Beitrag im Kölner Stadtanzeiger vom 23. Juni 2004

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Ein Profi für Wackelbildchen
Von Christoph Hoffmann

Deutschlands einziger professioneller Linsenrasterfotograf wohnt in Köln. Bei seinen Bildern taucht man in eine völlig realistische 3-D-Welt ein.
“Ich bin Linsenrasterfotograf.” Wenn Igor Tillmann Menschen von seinem Beruf erzählt, runzeln diese die Stirn. “Sie kennen doch die Wackelbilder von damals. . .”, schiebt er schnell hinterher, dann glätten sich die Gesichtszüge. “Ach so, ja, die hatte ich früher auch mal.” Igor Tillmann macht halt nichts Alltägliches.
Selbst seine Visitenkarten rufen bei den Leuten Staunen hervor: Sie zeigen den Kölner Dom als Mini-Wackelbild aus 20 Perspektiven. Das gleiche Motiv hängt in Tillmanns Stamm-Fotolabor in groß. Stolz packt Tillmann sein Fotoalbum aus dem Koffer. Auf einem Foto steht Henry Maske im Ring und reckt seinen Daumen in die Luft. Nein, er streckt ihn nach vorne aus dem Bild heraus, als möchte er den Betrachter unter dem Kinn kitzeln. Auch Boxer Dariusz Michalczewski sieht aus, als gäbe er gerade als Boxer-Miniatur ein Interview auf dem Kaffeetisch vor uns – so plastisch wirkt das Foto. Eines von Tillmanns großen Projekten war das CD-Cover für ein Album von DJ Bobo. Dort steht der Schweizer Sänger in ägyptisches Tuch gehüllt – vollplastisch und in 20 Perspektiven.

Igor Tillmann

Die Linsenrasterfotografie ist eine Disziplin für sich und funktioniert nur vom Grundprinzip her wie ein normaler Fotoapparat. Tillmanns Spezialkamera, die „Nimslo“, wurde nach ihren Erfindern Dr. Jerry Nims und Allen Lo benannt. Sie hat fünf Linsen und ist immerhin einen knappen halben Meter breit. Damit macht man nicht mal eben einen Schnappschuss. Wenn Tillmann ein fertiges Bild in der Hand hält, wurden vorher von diesem Motiv 20 Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven gemacht. Dazu montiert er die “Nimslo” auf einen Stativschlitten und verschiebt sie in der Horizontalen. Dabei arbeitet er mit einem normalen Film. Diesen lässt er in seinem Stammlabor entwickeln und anschließend Bild für Bild einscannen – die Gesamtgröße für ein Bild ist aufgrund der hohen Qualität gigantisch: knapp 2,4 Gigabyte. Tillmann erklärt die letzten Schritte: “Mit einem Computerprogramm werden dann die einzelnen Perspektiven in ganz feine Streifen zerschnitten. Dann legen wir darüber die bekannte Linse, die auch bei den Wackelbild-Postkarten verwendet wird.”

Tillmann ist eigentlich gelernter Tonmeister und hatte ein eigenes Studio in Köln. Irgendwann entschied er sich jedoch, das zu tun, was ihm Spaß macht und konkurrenzlos ist: “Außerdem habe ich schon in meiner Kindheit die Wackelbilder gesammelt. Das ist wie die Verwirklichung eines Kindheitstraums.” Leben kann er von seinem Traumberuf schon, wenn es oft auch nicht einfach ist. “Meine Arbeiten gefallen den Leuten sehr, aber die Abnahme ist eher dürftig im Moment”, klagt Tillmann. “Meistens sind es Firmen, die sich bei ihren Kunden mit einem besonderen Werbegeschenk bedanken.” Stärkeres Interesse kommt aus dem Ausland, zum Beispiel aus Indien und dem asiatischen Raum. Sein aktuelles Lieblingsbild steht im Schaufenster seines Fotolabors “Megalab”. Es ist eine Fahrrad-Gangschaltung in der dreidimensionalen Nahaufnahme. “Ich könnte Stunden davor sitzen und in der Tiefe versinken”, schwärmt Tillmann.

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