Ein Illusionstheater von Tiefe und Bewegung

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Alles ist nur eine Frage der Perspektive: so bringt ein optischer Kippeleffekt bewährte Sehgewohnheiten auf verblüffende Weise durcheinander.

Von Nils Schiffhauer – Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
22. April 2007

Zuerst fielen sie dem Kind Mitte der 1960err daumennagelklein aus Cornflakeskartons entgegen. Nun sieht der gereiste Betrachter Wackelbilder als Plakate im öffentlichen Raum. Sie erweitern die zweidimensionale Fläche in Raum und Zeit. Lentikular-Bilder, so der Fachausdruck, sind faszinierende Zaubertricks aus dem großen optischen Zirkus.

Zwei Bilder in einem – das ist auch das Konzept von Stereofotos, die dem Hirn ohne die vordem notwendigen opernglasartigen Hilfsmittel erscheinen sollten. 1902 konstruierte der nordamerikanische Erfinder Frederik Ives sein Parallax-Stereogramm.
Die zwei Augäpfel des menschlichen Seelenapparates nehmen jedes Objekt aus leicht unterschiedliche Perspektiven war, der Parallaxe. Das Gehirn rechnet diese zueinander leicht verschobenen Bilder zu einer dreidimensionalen Erscheinung zusammen.
Ives´ autostereoskopisches Bild entwickelt die Tiefendimension ebenfalls dank zweier aus verschiedenen Blickwinkeln geschossenen Fotografien. Beide Bilder wurden in Streifen geschnitten, diese abwechselnd auf den Untergrund geklebt und durch ein in bestimmtem Abstand davon angebrachtes Streifengitter betrachtet.

Aus einem schmalen Bereich der richtigen Entfernung betrachtet sieht dann wegen der Parallaxe das linke Auge das eine, das rechte Auge das andere Bild. Beide verschmelzen zum 3-D Eindruck.
Beim stereoskopischen Film und Fernsehen sowie bei der Darstellung technischer Zeichnungen erlebt dieses Konzept seine Wiedergeburt im Geiste des LCD-Displays. Das schiebt die rot-blau grün Brille von der Nase, die zudem die sog. Anaglyphen – sie trennen zwei Bilder durch zwei Farben – kolorativ verunstaltete.
Dreidimensionales Kino hat inzwischen so viele Totsagungen erlebt, dass es wohl unsterblich ist.
Das klassische Wackelbild als 3-D Movie des kleinen Mannes bedient sich ebenfalls des Effektes unterschiedlicher Blickwinkel, setzt diese jedoch zunächst zur Trennung von Bildern ein. Aus Kunststoff exextrudierte Prismenlinsen – Lentikulare – übernehmen hier die Funktion dieses Perspektivenwechsels.
Im einfachsten Fall sind hierfür 2 Motive in Streifen zerteilt und abwechselnd auf die Unterlage geklebt. Unter dem Linsenraster ist in einem bestimmten Winkel daher je eines der Bilder komplett zu sehen. Bewegt man das kleine Illusionstheater, so kippt das Bild, und das andere Motiv erscheint.
In ähnlicher Weise fügen sich Bilder zu einem 3-D Panorama zusammen, statt es zu trennen.
Nachdem man in den frühen 1960ern diese Bilder erstmals in Massenauflage drucken konnte, setzte im aufkommenden Fernsehzeitalter die Werbung auf diesen Effekt, der abflaute und dieser Tage seine Renaissance auf nochmals gesteigertem technischen Niveau erlebt.

So lassen sich mit in geeigneten Linsenformen mehr als nur zwei Bilder (Flip) auf einer Oberfläche unterbringen. Das herkömmliche Wackelbild lernt dabei sogar laufen und mehr.
Unter „Pict-O-Motion“ fasst etwa das Unternehmen Supersign alle heute möglichen Variationen zusammen. Die Münchner bringen bis zu 15 Motive auf einem Bild unter, die beim Kippen oder Vorbeilaufen in der Art eines kurzen Films („Motion“) vorüberziehen. Oder sie zoomen in verschiedenen Aufnahmen ihren Gegenstand heran, bis er dem Betrachter entgegen zu springen scheint.
Des Weiteren sind beinahe fließende Verformungen (Morphing) möglich. Aus einem Spargeltagezahn wird so ein Terminator.

Die professionelle Realisierung wirkungsmächtiger Bilder dieses Typs ist aufwändig, wie Igor Tillmann aus Köln weiß.
Der führende Linsenrasterfotograf Deutschlands sammelt Wackelbilder seit seiner Kindheit und fotografiert nun die Objekte mit einer 1980 entwickelten, heute nicht mehr produzierten Nimslo-Kamera, benannt nach ihren Erfindern Jerry Curtis Nims und Allan Kwok Wah Lo.
Diese Sucherkamera von fast einem halben Meter Breite gebietet über 5 Objektive.
Tillmann macht mehrere Fotos auf 6X6 Rollfilm, zwischen denen er die Kamera um jeweils 3 cm horizontal auf einem Stativschlitten verschiebt. Die bis zu 20 digitalisierten Fotos werden dann in 16.000 Streifen zerteilt und mit Hilfe einer Iinterlace-Software gewissermaßen miteinander verwoben. Linsenraster Folie darüber, und schon baut sich beispielsweise der Kölner Dom in 3-D vor unseren Augen auf.

Für zu Hause geht das 3-D Verfahren auch einfacher. Mit einer Digitalkamera nimmt man einen Gegenstand ebenfalls mehrfach und jeweils horizontal versetzt auf. Die Software 3-D Easy Space zerschnippelt die Bilder virtuell in Streifen und setzt sie wieder so zusammen, dass sich hinter einer preiswerten Linsenrasterscheibe ein Stereo-Eindruck ergibt. Das faszinierende Wackelbild also lebt.

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